Anna : Menschliche Ebenen – Eindrücke einer Begegnung in Forssa

Bericht von Anna Winowska, Teilnehmerin des GRUNDTVIG Projektes im Rahmen einer Erwachsenenbildung der Europäischen Kommission

Finnland, 11.-14.02.2009, meine allererste Begegnung mit diesem, mir unbekannten Land, seiner Geschichte und Kultur.
Ich war Teil eines Reisekollektivs, das am 11.02.09 von Berlin nach Helsinki flog. Dort haben wir, d.h. insgesamt drei Gruppen aus Deutschland, Belgien und Finnland an der Werkstatt zum Thema „Pluralität und Nation“ teilgenommen. Unsere Zielstation war Forssa, eine mittelgroße Stadt im finnischen Inland, unweit Helsinkis, wo sich mehrere Nationalitäten bzw. national-kollektive Identitäten begegneten, und zwar Deutsche (sowohl ehemalige ‚Wessis‘ wie auch ‚Ossis‘, also Bürger der ehemaligen BRD und DDR), in Deutschland lebende Polen sowie Karelier aus Finnland wie auch Flamen und Wallonen aus Belgien.
Man lebt irgendwo in Europa und denkt sich, dass dort, wo man eben lebt, wohnt und arbeitet, auch das absolute Zentrum der Welt sein müsse, und dass es nicht unbedingt mehr kennen zu lernen, zu erforschen und zu wissen gäbe. Ich zumindest empfand es lange Zeit so, und zwar in dem Sinne, dass ich mir nicht recht vorstellen konnte oder wollte, dass es woanders so viel Erfahrenswertes oder sogar Vorbildliches für mich geben könne, denn nur das, was man kennt und mit den eigenen Augen wahrnehmen kann, hält man irgendwie für relevant, wenn nicht für echt. Aber weit gefehlt...
Denn natürlich gibt es andere Lebens- und Gemeinschaftsformen, sogar sehr bereichernde und wertvolle, die noch dazu gar nicht so weit weg sind von dem Ort, an dem man tagein, tagaus lebt, wohnt und arbeitet.
So erging es mir also auf dieser Bildungsreise, als sich mir plötzlich dieses mir zuvor unbekannt Finnland vorstellte! Ein Land, in dem man Bücher, Poesie und Literatur liebt, liest und sehr wertschätzt. Eine Kultur, die die musikalische Entwicklung und Bildung all ihrer Mitglieder für selbstverständlich betrachtet und sie dementsprechend fördert!
Ich konnte bspw. spontan am zweiten Tag unseres Forssa Besuches in einer Musikschule ein kleines Konzert besuchen, zu dem ich und meine Begleitperson, Barbara, von einer Musiklehrerin eingeladen wurden.
Ein paar Schüler spielten von ihnen zuvor vorbereitete Stücke vor. Die Atmosphäre im Konzertraum war herrlich. Man genoss einfach die Musik, konnte sie in einer sehr entspannten Atmosphäre gleichsam hautnah erleben.
Finnland ist unumstritten für seine Saunakultur bekannt. Das ist auch richtig. Die Begegnungen in der Sauna sind in der Tat besonderer Art. Man tritt in eine Gemeinschaft ein, die einen als Gleichen willkommen heißt, man ist sofort entspannt und empfindet eine angenehme Wärme. Was will man mehr!? Doch mir ist aufgefallen, dass die Finnen zudem und überhaupt unglaublich gastfreundlich und herzlich sind. So ist denn meine vorurteilsbehaftete Vorstellung, was ich denn alles von anderen Nationen und Nationalitäten lernen könnte, sehr schnell und gründlich wackelig geworden. Jedoch darf ich anfügen, dass auch wir, die Polen, sehr für unsere Gastfreundlichkeit und -herzlichkeit bekannt sind! Gleichwohl geht es hier um die finnische Kultur und meine Erfahrungen und Erlebnisse in ihrem Land, weshalb ich Vorangegangenes angeführt habe, um anzuzeigen, dass bereits hier eines meiner stereotypen Vorstellungsbilder abgebaut wurde.
Wer und was sind wir eigentlich, was unterscheidet uns, was verbindet uns: Finnen, Polen, Russen, Deutsche, schwedische Finnen oder finnische Schweden, deutsche Polen, deutsche Deutsche? Sind all die vielen Punkte, von denen wir meinen, dass sie uns so unterschiedlich machen, letzten Endes nicht vielleicht nur unsere eigenen Schimären, Hirngespinste?
Das können wir solange nicht erfahren, solange wir nicht auf einer menschlichen Ebene aufeinander stoßen, gestoßen werden.
Zu einer multinationalen Werkstatt, die auf Interaktionen im größeren Umfang basiert, gehören grundsätzlich Begegnungen wie die hier besprochene, gehören das Zusammensein, einander Zuhören und vor allem der Gedankenaustausch. Es muss noch nicht einmal eine gemeinsam gestaltete Schneefigur sein. Es geht m.E. gar nicht so sehr um ein Projekt, das von A bis Z perfekt durchgeführt wird, sondern viel mehr um ein Gefühl von Gemeinschaft, das sich während so einer Werkstatt herstellt und gerade auch mit Meinungs- und Gewöhnungsverschiedenheiten einhergeht und verbunden ist. Umso besser! Erst so ein Aushandeln und Verhandeln von Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Gruppen fordert und fördert eine interkulturelle Sensibilität und zwingt, sich kritisch-produktive Gedanken über mich selbst wie auch den anderen, den vormals Fremden zu machen. Fragen stellen sich dann ein, was bin ich eigentlich für und in der Gemeinschaft? Wo gibt es Grenzen? Warum entstehen sie überhaupt? Vielleicht gibt es sie überhaupt nicht! Muss es Gesetze und Grenzen geben? Können wir selbstverantwortlich funktionieren?
Ist es nicht so, dass die Menschen überall grundsätzlich gleich sind? Weil wir alle im Frieden leben und das Leben genießen wollen? Müssen wir es uns selbst und vor allem im Miteinander des gemeinsamen‚ europäischen Hauses oftmals so schwer machen?
Die Reise nach Finnland hat mir vieles vor Augen geführt, hat mich zu Einsichten gebracht, deren Grundtenor lautet: uns allen scheint die gleiche Sonne und der gleiche Mond…