Barbara : Polyglott und sozial: Impressionen einer Reise nach Finnland

Finnland im Februar – viel zu kalt, sagten mir Freunde, als ich von meiner bevorstehenden Reise erzählte. Und tatsächlich ist, oder war? der Februar der kälteste Monat dort.

Als wir ankamen – Sonne und Schnee. Nicht viel, aber mehr, als bei uns. Die Kälte: trocken und erträglich. Eis auf Straßen und Gehwegen, es schien nicht geräumt worden zu sein, an einigen Stellen war mit Split gestreut. ´Spikereifen sind ein Muss hier´, sagt unser finnischer Cicerone, als ich ihn nach dem metallischen Klang der fahrenden Autos frage.

Inzwischen ist die Sonne weg, trübes Wetter, wie bei uns. In Finnland, hört man, ist die Selbstmordrate enorm hoch, besonders im Winter – auch wenn alle, die man fragt beteuern, es sei gar nicht so dunkel, es liege ja Schnee. Diese fast wörtliche Übereinstimmung klingt wie Beschwörung, rituelle Abwehr und bestätigt nur die Statistik.
Ich lese, die Finnen kämpfen um ein gutes Image in Europa.
Bei meinem ersten Besuch Mitte der 70er Jahre schockierten die grauen Gestalten in den öffentlichen Parks, bettelnd, betrunken – der Alkohol als nationales Trauma nach der Prohibition. Unbezahlbar und doch allgegenwärtig. Das Monopol hatte der Staat.
Das ist auch heute noch so, aber Finnen sind nicht mehr nach dem 3. Schnaps betrunken und singen laut oder spielen leise Klavier. Sie trinken nicht mehr. Oder vielleicht besser: sie tun es nicht mehr öffentlich. Es gibt dünnes Bier mit wenig Alkohol und Hausbier ganz ohne. Das wird offensichtlich akzeptiert. Hochprozentiges oder Edleres findet man in speziellen Läden.
Uns wird bewusst, dass wir in einem polyglotten Land sind: fast jeder spricht 2 oder mehr Fremdsprachen, neben Finnisch und Schwedisch. Man kann sich mit dem Postboten englisch unterhalten oder mit der alten Dame im Heim deutsch. Wie wäre das umgekehrt?
Die Finnen haben eine starke nationale Identität, auch die Finnlandschweden.
Sie sind stolz auf ihre Geschichte; Helsinki ist eine der wenigen europäischen Hauptstädte, die niemals von fremden Mächten besetzt waren; im Winterkrieg 1940/41 hat das kleine Land mit seinen 5 ½ Millionen Einwohnern ein ganzes Jahr standgehalten gegen die riesige Sowjetunion. Dann mussten sie Karelien abtreten, das schmerzt noch heute. Finnland ist stolz auf seine technologischen Erfolge und, berechtigterweise, auf sein Schulsystem. Die Pisa-Studien belegen es.
Uns fallen die vielen Sozialeinrichtungen auf in Forssa – das Schwimmbad mit Altenheim, die Volkshochschule, die Bibliothek. Alles ist großzügig gebaut und wenig besucht, das mag an der Tageszeit gelegen haben.
Zwei Dinge haben mich besonders berührt: die Biografien der Alten, die über zwei Jahre recherchiert wurden. Immer wieder befragt, kamen ihnen immer neue Erinnerungen. Die wurden aufgeschrieben und bebildert und so ´kostbar` gemacht. Den alten Menschen wurde durch Aufmerksamkeit eine Würde verliehen, die schön ist und ihnen sehr gut steht. Sie werden eben nicht nur abgestellt und verwaltet, sondern als Individuen wahrgenommen.
Ähnlich die zweite Beobachtung: es gibt einmal in der Woche einen Tanznachmittag für Senioren. Auf der Bühne drei Herren mit Cowboyhut, die machen die Musik, drunten im großen und kargen Saal die tanzenden Paare. Es mögen 50 gewesen sein oder mehr, es kostet Eintritt, man macht sich schön für diesen Tag. Und man nimmt das sehr ernst. Es erinnert an den wunderbaren französischen Film LE BAL und hat eine sanfte, etwas traurige Schönheit.
Über allem aber steht die finnische Gastfreundschaft! Sie weiss mit einfachen Mitteln eine herzliche Atmosphäre zu schaffen, die dem Gast das Gefühl verschafft, angenommen zu werden. Und das ist sehr viel in diesen kalten Zeiten.
 
Barbara Plensat