Woodrow Wilson versus Lenin: Vorläufige Gedanken zu Pluralität und Nation
Beginnen wir mit dem ersten, emanzipatorischen Aspekt: Die Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit bzw. Solidarität wurden in der Französischen Revolution gegen die Vorherrschaft einer „Kaste“, des Adels, für alle geltend gemacht – für alle Bürgerinnen und Bürger einer Nation. Damit war die Idee der Volkssouveränität in der Welt, und darauf sollten sich in dem folgenden 19. und 20. Jahrhundert alle jene berufen, denen die Mitbestimmung in den „öffentlichen Angelegenheiten“ (der res publica) verwehrt war. Die Einführung des Allgemeinen Wahlrechts und seine allmähliche Ausdehnung auf Männer ohne Besitz, später auch auf Frauen erzählt davon.
Inter-national gesehen fand in der Idee der Nation das sogenannte Selbstbestimmungsrecht der Völker seinen Ausdruck. Es lag der Neuordnung Europas nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zugrunde, als die Imperien (Russisches, Osmanisches und Habsburger Reich) zerfielen und Staaten wie die Tschechoslowakische Republik entstanden. Diese Zäsur in der europäischen Geschichte verdient eine größere Aufmerksamkeit, als ihr gemeinhin zukommt. Denn als man dem Kontinent ein neues politisches Design gab, ging es kaum um „natürliche“ Grenzen. Die Pariser Vorortverträge von 1919/20 sind Ergebnis handfester politischer Strategien. Folgt man dem Historiker Eric Hobsbawm, wurden in ihnen Teile des Vierzehn-Punkte-Plans von US-Präsidenten Wilson durchgesetzt, mit dem die nationale Karte gegen Lenins internationalen Appell an die sozial unterdrückten Klassen aller Länder ausgespielt wurde. Die nationalistischen Bewegungen mit ihren antibolschewistischen Tendenzen sollten ein in Nationalstaaten organisiertes Bollwerk gegen die Ausbreitung der sozialistischen Revolution bilden. (Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 1998).
Das politische Programm, einen Ausgleich zwischen Arm und Reich zu organisieren, war damit jedoch nicht der Geschichte überantwortet worden; es wurde im Horizont der Nationalstaaten verhandelt. Dieser bot damit nicht nur den Rahmen für die Demokratisierung von Gesellschaften, sondern auch für die sozialen Fundamente von Demokratie. Dies war für viele buchstäblich not-wendig, erfolgte doch die allmähliche Herausbildung von Nationalstaaten im Zusammenspiel mit der Entstehung moderner „westlicher“ Industriegesellschaften, deren sozialer Zusammenhalt bald erschüttert wurde. Natürlich verliefen diese Prozesse zeitlich versetzt und in den einzelnen Ländern verschieden. Doch in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und anderswo kämpfte die Arbeiter- und Frauenbewegung nicht nur um politische Mitbestimmung, sondern auch für soziale Rechte wie die Absicherung bei Arbeitslosigkeit, Krankheit und im Alter. Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg in zahlreichen europäischen Ländern der „westlichen“ Hemisphäre etabliert wurde, hat darin sein historisches Erbe.
Die Komplexität von „Nation“ ist aber mit Blick auf ihre politische und soziale Dimension noch nicht hinreichend ausgelotet. „Nation“ fasziniert(e) auch als kulturelle Bezugsgröße und die daran anknüpfenden Fragen nach Identität, Zugehörigkeit, Geschichte und den Regeln des Zusammenlebens. Dafür wurde für das Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts sowie für manche Länder Osteuropas der Begriff der „Kulturnation“ geprägt. Der kulturelle Ansatz, „Nation“ zu denken, trifft auch ins Herz der Gegenwart: Wer einige Zeit im Ausland war oder seinen Lebensmittelpunkt ganz dorthin verlegt hat, wird die Herausforderung spüren, sich zu solchen Fragen zu positionieren. Sie können wie ein Stachel der Selbstverortung angesichts der Erfahrung von Fremdheit wirken – auch für die, die sich nicht selbst bewegen, sondern Zugewanderte in ihrem Umfeld finden.
Es ist noch ein weiteres Moment im Spiel: Mit der kulturellen Lesart von „Nation“ wird vielfach ein Verständnis von Gesellschaft transportiert, das dem von „Gemeinschaft“ nahe kommt. „Nation“ wird demnach mit der emotionalen Verbundenheit von Menschen, einem überschaubaren Rahmen und einer „sicheren“ Vision identifiziert. Ja – ist das nicht etwas, das angesichts von Individualisierung, sozialer Unsicherheit und des Mangels an einfach zu identifizierenden Schuldigen reizvoll erscheint? Ist das nicht ein feines Angebot, wenigstens im abstrakten Sinn zu einer Gruppe zu gehören, zumal in einer „kalten“ und verwirrend vielfältigen Welt? Die Grenze zum Nationalismus ist allerdings fließend – zur Absolutsetzung des Einen, der Herabsetzung von Anderen, gerade von Minderheiten. Nationalismus hat die Züge einer „schwarzen Utopie“; Groll und Unmut entladen sich in der scheinbar sicheren Bezugnahme auf Autoritäten und „feste“ Normen, das entlastet von der Anstrengung, für sich selbst einzustehen und sich zu widersetzen. Die repressive Ausprägung von „Nation“ zeigt sich an der Wut auf die „Anderen“, die Schwächeren: die „unterentwickelten“ Muslime, die sozial Ausgegrenzten, Lesben und Schwule oder einfach die, die anderer Meinung sind. Es scheint leichter, Roma zu verachten als vor Banken zu demonstrieren. Der Andere wird dabei freilich zum Anderen erst gemacht.
Wir kommen nicht umhin, „Nation“ in ihrer Verzahnung mit Momenten der Pluralität zu sehen. Nicht nur, dass „Nation“ in den einzelnen Ländern sehr verschieden interpretiert wurde und wird; die Herausbildung „einheitlicher“ Nationen ging allzu oft mit der gewaltvollen Einebnung „nationaler“ bzw. kultureller Unterschiede einher. Frankreich, das als Vorzeigebeispiel für eine homogene Nation gilt, war bis ins 18., in Teilen sogar das 20. Jahrhundert, ein multikultureller Teppich. Zur Zeit der Französischen Revolution sollen höchstens 30% der Bevölkerung französisch gesprochen haben! Die Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren gaben ein brutales Zeugnis davon, wie die Einheitlichkeit von „Nationen“ politisch hergestellt wurde – seien sie auch noch so klein.
Die sich dennoch erstaunlich hartnäckig haltende Selbstverständlichkeit, in Kategorien von „Nation“ zu denken, wird in den Gesellschaften der Gegenwart durch die bunte Wirklichkeit verschiedener Sprachen, Kulturen und Lebenswelten alltäglich unterlaufen. „Nation“ und das politische Gewicht von Nationalstaaten relativieren sich außerdem in der Verlagerung der Entscheidungsgewalt auf supranationale Einheiten wie die Europäische Union und internationale Organisationen wie die Welthandelsorganisation (WTO), den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. Es ist an der Zeit, die drei zentralen Momente von „Nation“, die politische Selbstbestimmung, die soziale Integration und die kulturelle Identifizierung, den gewandelten Verhältnissen entsprechend mit neuem Leben zu erfüllen. Die Europäische Union und vor allem die internationalen Organisationen bedürfen dringend der Demokratisierung. Mit ihrer Macht wirken sie weit in die Gesellschaften hinein und bestimmen das Leben Einzelner, aber die Möglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger, ihrerseits mitzubestimmen sind umso geringer, je internationaler die Organisationen sind. Das Demokratiedefizit ist umso größer, je weiter ihr Einfluss reicht.
Das Beispiel der deutschen Geschichte zeigt, dass mit der Gründung des Nationalstaates auch das Bestreben verbunden war, den Handlungsspielraum wirtschaftlicher Akteure mit dem Geltungsbereich der Politik zur Deckung zu bringen. Angesichts transnational organisierter Finanzströme und Produktionsketten gilt es, das Primat des Politischen zu gewinnen und die Macht besonders von großen Unternehmen der Finanz- und Realwirtschaft demokratisch zu kontrollieren. Es hilft dabei wenig, das Muster des Hegemonialanspruches von Nationen zu internationalisieren. Die Kunst besteht eher darin, demokratische Rechte, eine faire Weltwirtschaft, kulturelle Vielfalt und sozialen Ausgleich gleichermaßen zu ermöglichen. Ähnlich wie durch die nationalen und sozialen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts braucht es dafür die Kraft aller Bürgerinnen und Bürger; sie / wir sind es, die Gesellschaften (mit-)gestalten – ob aktiv oder passiv.
Wollen wir uns dem zunehmenden Nationalismus in Europa stellen und Antworten finden, die über die einfache Ablehnung von Nation und Nationalismus hinausgehen, so sollten die Schwierigkeiten mit kulturellen und „nationalen“ Differenzen als gesellschaftliche Fragen thematisiert und nicht umgekehrt die brüchig gewordene gesellschaftliche Solidarität kulturell aufgeladen werden. Soziale Fragen taugen nicht zum Kulturkampf. Die Implementierung von Unsicherheit durch die Vermarktlichung beinahe aller Lebensbereiche, der Verlust von Zukunft, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich u.v.a.m. erfordern komplexere Analysen und Handlungsstrategien als sie im Horizont von Integrationsdebatten entwickelt werden können – sofern Integration kulturell codiert wird. Gleichwohl sind kulturelle Differenzen ernst zu nehmen, sind Verständnis und Verständigung vonnöten, um Brücken zwischen Menschen zu schlagen, die in ihren Wertvorstellungen, Erfahrungen, geschichtlichen Bezügen und sozialen Umgangsformen verschieden geprägt sind. Kulturelle Unterschiede faszinieren, und kulturelle Unterschiede können anstrengen – sie müssen aber nicht mystifiziert werden. Man wird sie entschlüsseln können, wenn man Bildungssysteme vergleicht, sich historisch interessiert, das Verständnis von Demokratie und Kooperation, verschiedene Diskussionskulturen und Formen des Umgangs mit Konflikten kontrastiert. So gesehen ist Kultur ziemlich politisch.
Berlin,September2010
Sophia Bickhardt